Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller im Interview

12.03.2020
Guten Tag,
erinnern Sie sich an die letzte erfolgreiche Innovation bei der Post? Die Packstationen gibt es schon seit bald 20 Jahren. Der E-Postbrief ist zum Jahreswechsel eingestellt worden, das Streetscooter-Projekt ist auch gescheitert. Jetzt will die Post digitaler werden. Ab Sommer erhalten Kunden mit ihrer Post-App, im Kontakt mit den Zustellern und an Automaten neue Möglichkeiten. Diese Neuheiten sollen die Kunden unabhängiger von Öffnungszeiten und ungewissen Lieferzeiten machen. Wir nehmen in diesem Tech Briefing die Digitalstrategie der Post unter die Lupe.

1.) Analyse: Ein Blick auf die neue Digitalstrategie der Post
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Das 2019 eröffnete Paketzentrum in Bochum. Foto: Imago
Zalando statt Otto-Katalog. Die Digitalisierung hat im Handel eine ungeahnte Transformation ausgelöst. In diesem Jahr rechnet der Online-Handel in Deutschland mit einem Umsatz von 72 Milliarden Euro. 2024 sollen es sogar 97 Milliarden Euro werden. Dieses Wachstum treibt die Paketbranche an. Auch hier ist in den kommenden Jahren der Zuwachs ungebremst:
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Doch in Sachen digitaler Transformation ist der Handel der Paketbranche um Längen voraus. Amazon baut kurzerhand ein eigenes Zustellernetz auf und legt die Messlatte an digitalen Zusatzfunktionen hoch.

Jetzt will die Deutsche Post digital aufholen und zwei Milliarden Euro in die Digitalisierung investieren. Bisher haben die Kunden davon nicht viel mitbekommen. Das soll sich ab dem Sommer ändern. Bis 2021 starten viele neue Funktionen und Angebote.

Ein Blick in den Maßnahmenkatalog der Post:

► Der Briefmarkenkauf fällt weg. Wer über seine Post-App eine mobile Briefmarke bezahlt, erhält eine Buchstaben- und Zahlenfolge, die mit einem Stift auf dem Umschlag notiert werden. Die mobile Briefmarke löst das Handyporto ab — die bisherigen zusätzlichen Mobilfunkkosten entfallen.

► Das Live-Tracking wird verfeinert. Wer ein Paket empfängt, bekommt künftig statt lediglich eines Datums ein Zeitfenster von rund 90 Minuten genannt, kann ablesen, wie viele Stopps der Zusteller noch entfernt ist und erhält 15 Minuten vor Ankunft noch einen weiteren Hinweis.

► Für den Paketversand ist der Gang zum Schalter nicht mehr nötig. 65.000 Paketzusteller werden mit Scanner und Drucker ausgestattet, um unterwegs oder bei der Auslieferung Pakete direkt zu frankieren und mitzunehmen. Der Kunde zahlt das Porto über seine Post-App.

 Wer ein Mail-Konto bei GMX und Web.de hat, kann sich morgens per E-Mail informieren lassen, welche Post mittags im Briefkasten landen wird.

► An den Postautomaten soll künftig auch ein Video-Chat getestet werden, an denen Kunden Postident-Verfahren durchführen können. Die Zahl der Packstationen steigt bis Ende 2021 von 4500 auf 7000.

► Briefe lassen sich besser verfolgen. Briefmarken erhalten künftig einen QR-Code (Matrixcode im Post-Jargon), wie dies beim Paket bereits Standard ist. Wer vor dem Versand den Brief scannt, kann über die Post-App den Status des Briefs im Auge behalten.

 Philatelisten können den Matrixcode einer Briefmarke scannen und erhalten in ihrer App Hintergrundinformationen.

Im aktuellen Tech Briefing Podcast ist Tobias Meyer zu Gast. Das Vorstandsmitglied der Deutschen Post ist für das Ressort Post und Paket zuständig. Er hat die Hintergründe der Digitalstrategie erklärt.
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Klicken Sie auf das Foto, um den Podcast zu hören
 
Empfang und Versand von Briefen und Paketen haben sich seit Jahrzehnten aus Kundensicht kaum verändert. Gerade für die Generation Smartphone ist das heute unverständlich. Tobias Meyer formuliert das Ziel der Post so:
Wir wollen einfach sein. In Hinblick auf jüngere Bevölkerungsschichten ist es wichtig, dass unsere Dienstleistungen zugänglich sind. Die Kunden müssen sich nicht Urlaub nehmen, um ein Paket zu empfangen oder sich an bestimmte Öffnungszeiten halten, um Briefe zu erwerben."
Die Digitalisierungsoffensive soll mehr Effizienz bringen. Auslieferungen zu Zeiten, an denen der Empfänger nicht zu Hause ist, sollen deutlich reduziert werden:
Auch aus Sicht unserer Mitarbeiter werden die Neuerungen eine echte Erleichterung sein. Wir sparen Zeit ein, weil wir die Zeit nicht dort verbringen, wo sie der Empfänger-Kunde nicht wertschätzt.”
Die Post ist ein Koloss. In den vergangenen Jahren hat die Post im Hintergrund viel in neue Technik und Prozesse investiert. Jetzt wird dies auch für den Kunden sichtbar, erklärt Meyer.
Beispielsweise haben wir die Technik unserer Sortierzentren aufgerüstet, um Matrixcodes auch qualitativ hochwertig zuverlässig auslesen zu können. Schrifterkennung ist etwas, was wir seit Jahren intensiv beackern. Viele dieser Investitionen haben wir bereits getätigt und nutzen sie jetzt, um einen breiteren Kundennutzen darstellen zu können. Das ist das, was wir mit der Digitalisierung jetzt im Wesentlichen verfolgen.”
Fazit: Aus Kundensicht sind die Verbesserungen praktisch. Aber: Sie sind auch überfällig. Erste Reaktionen von Kunden auf Twitter bestätigen das. Sie hätten sich weitere Innovationen gewünscht.

Zum Beispiel, dass die E-Mail-Benachrichtigung nicht nur an Kunden von Web.de und GMX gehen (beide gehören zur United Internet AG). Die Post begründet die Wahl ihres Partners mit hohen Datenschutzstandards. Dass Partnerschaften mit globalen Mail-Anbietern nicht direkt zustande kommen, können Kunden nachvollziehen. Die Integration bei einem deutschen Anbieter wie T-Online wäre aber möglich und wünschenswert. Immerhin haben Post und Telekom eine gemeinsame Vergangenheit.

Die Deutsche Post hat schon am eigenen Leib erfahren, dass Veränderung alles andere als einfach ist. Statt E-Postbriefe und Streetscooter stehen aber jetzt neue Funktionen im Fokus der Digitalstrategie, von denen die Kunden in ihrem täglichen Post-Alltag profitieren. Aufgabe der Post ist es, diese den Kunden gut genug zu erklären und diesen Weg konsequent weiterzugehen.
 
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2.) Diskussion: Sind die Start-ups trotz oder wegen Berlin erfolgreich?
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ThePioneer-Kolumnist Christian Miele und Michael Müller, Berlins Regierender Bürgermeister.
Wenn es um die Gründerszene in Deutschland geht, kommt niemand an Berlin vorbei. Im ersten Halbjahr 2019 flossen 2,8 Milliarden Euro frisches Kapital in deutsche Start-ups. Alleine 2,1 Milliarden Euro gingen nach Berlin. Das sind 28 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Auch die Zahlen für 2018 sprechen im Bundesvergleich eine deutliche Sprache:
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Doch Berlin rühmt sich nicht mit seiner Start-up-Szene. Im Gegenteil: In der Vergangenheit gab es sogar Schlagzeilen, die zwischen Ignoranz und Desinteresse ein zerrüttetes Verhältnis zeichneten. Im neuen Tech Briefing Podcast haben wir deswegen zur Aussprache geladen: Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) kam zum Gespräch mit Christian Miele, Präsident des Bundesverbands Deutscher Start-ups und ThePioneer-Kolumnist.
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Klicken Sie hier, um den Podcast zu hören
 
Um das Miteinander zu verbessern, sieht Michael Müller die Start-ups in der Pflicht. Sie sollten in der Politik besser für sich werben und sich ein Vorbild an großen Unternehmen nehmen. Es gehe darum, stärker an einem Strang zu ziehen, so Müller:
Wenn ich mich mit Start-ups in einem kleinen Rahmen unterhalte, nennen sie Punkte, bei denen es noch nicht gut in Berlin läuft. Aber insgesamt fühlen sie sich sehr wohl. Wenn ich dann in einer Zeitung von deren Verbänden und Institutionen lese, dann habe ich immer das Gefühl, alles ist in Berlin furchtbar und im Niedergang. Warum loben sie nicht auch mal unseren Standort?”
Der Konflikt der Start-up-Szene zeigt sich in einer Frage, die oft in der Branche zu hören ist: “Waren wir wegen Berlin oder trotz Berlin erfolgreich?” Letzteres will der Regierende Bürgermeister nicht gelten lassen:
Wir sehen doch, wie viele nach Berlin kommen. Die kommen doch nicht, weil hier alles furchtbar und im Niedergang ist. Die Studierenden sind da, weil man hier gut leben und arbeiten kann. Im Vergleich ist es immer noch eine bezahlbare Stadt. Die Wissenschaftler kommen, weil sie hier frei arbeiten können — anders als in der Türkei, in Ungarn oder jetzt leider sogar in Großbritannien, weil sie dort nicht mehr den Zugang zu Europa haben. Die Unternehmen kommen hierher, weil hier die Flächen sind. Wo hat man in einer Millionenmetropole noch Flächen für Entwicklung?”
Stolz ist Müller auch auf das wissenschaftliche Umfeld: Die 200.000 Studierende in der Stadt seien 200.000 potenzielle Mitarbeiter oder Gründer.
Das ist die größte Unterstützung für die Start-ups. Wir haben das Einstein-Zentrum ansiedeln können. Dort gibt es mindestens 50 zusätzliche Professuren nur für den Bereich der Digitalisierung. Auch das Fraunhofer-Institut und eine Institution der Universität-Oxford haben ein Standbein in Berlin aufgebaut und treiben das Thema Digitalisierung voran.”
Wenn Google einen Campus in Kreuzberg errichten will, oder Tesla ein Werk in Brandenburg ankündigt, gibt es Proteste. Für Müller wird das zum Spagat.
Die Investoren können nicht erwarten, dass sie bestimmen, wie sich die Stadt entwickeln soll. Wir müssen den Konflikt miteinander austragen. Ich will Amazon. Ich will Google. Ich will Microsoft. Aber die müssen auch ertragen, wenn wir sagen ‘Passt mal auf Leute, so geht es nicht.’”
Hören Sie jetzt die komplette Aussprache bei Apple Podcasts, Spotify, Deezer oder auf unserer Homepage.
 
3.) Rückblick: Das sind die Sieger der German Start-up Awards
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Die Preisträger. Foto: Veranstalter
Mit einer großen Gala hat die Start-up-Branche ihre Preisträger gefeiert. Zum ersten Mal sind am vergangenen Donnerstag die German Start-up Awards in Berlin verliehen worden. Mit dabei war NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) und Digitalisierungs-Staatsministerin Dorothee Bär (CSU). Der Bundesverband Deutsche Start-ups hat den Preis aus der Taufe gehoben, um der Branche Selbstbewusstsein und Aufmerksamkeit zu geben.

Das sind die Gewinner:

Beste Gründerin: Ina Remmers, Gründerin nebenan.de
Bester Gründer: Ferry Heilemann, Gründer FreightHub

Beste Newcomerin: Dr. Kati Ernst, Gründerin ooshi
Bester Newcomer: Christian Piechnick, Gründer wandelbots

Beste Social Entrepreneurin: Anne Kjaer Bathell, Gründerin ReDI School of Digital Integration
Bester Social Entrepreneur: Christian Kroll, Gründer Ecosia

Beste Investorin: Daria Saharova, Vito ONE
Bester Investor: Tim Schumacher, TS Ventures

Bester Support: Prof. Andreas Pinkwart, Wirtschaftsminister Nordrhein-Westfalen
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Armin Laschet (CDU) und Dorothee Bär (CSU). Foto: Veranstalter
 
…
In dieser Woche zusammengestellt vom Journalisten und Blogger Richard Gutjahr:

Gutjahrs Top der Woche: „Der Stuhl von Twitter-Teilzeit-CEO Jack Dorsey wackelt. Schon wieder – muss man sagen – aber diesmal steht er noch dazu in Flammen. Was ist passiert: Elliott Management, ein Großinvestor, hat eine große Position an Aktien und damit Stimmrechten aufgebaut und drängt das Twitter-Management, Jack Dorsey rauszuschmeißen. Dorseys Posten, der neben Twitter auch noch CEO von Square ist, scheint nach einer Krisensitzung gesichert zu sein — zumindest vorerst. Die Geschäftsleitung ist den Investoren entgegengekommen und hat ihnen drei Plätze im Aufsichtsrat angeboten. Für mich ein Top. Denn Twitter hat als unabhängiges Social Network eine wichtige Rolle zu verteidigen, gehört nicht zu Google und zu Facebook und hätte mehr Aufmerksamkeit, mehr Liebe verdient.”

Gutjahrs Flop der Woche: „Facebook. Schon wieder. Nicht nur, dass Lügen und Falschmeldungen auf der Plattform grundsätzlich willkommen sind, solange diese bezahlt und als Parteiwerbung gekennzeichnet sind. Was das Corona-Virus betrifft, hat sich Facebook meiner Meinung nach unverantwortlich schuldig gemacht, Falschinformationen, angebliche Heilmethoden oder unsinnige Verschwörungstheorien zu verbreiten. Facebook ist für mich die weltweit größte Virenschleuder und damit indirekt mitverantwortlich für die Ausbreitung von Covid19. Der Konzern tut zu wenig, um Desinformation Einhalt zu gewähren, verdient wissentlich an Falschmeldungen, an Lügen und vor allem an unseren Ängsten.”

Gutjahrs Kopf der Woche: „Für mich das Comeback-Kid Elon Musk. Nicht nur, dass der Tesla-CEO im Keller seiner Berliner Gigafactory einen Techno-Club errichten will. Tesla hat diese Woche sein einmillionstes E-Auto produziert: das neue Model Y, das ab kommender Woche in den USA ausgeliefert wird. Damit hat Tesla die Elektro-Nummer eins aus China BYD vom Thron gestürzt, gilt ja ohnehin schon als wertvollster Automobilhersteller der Welt. Nach Jahren der Produktionshölle und weltweiter Häme, vor allem aus Deutschland, ist Tesla mit seiner Technologie der Konkurrenz laut Experten um fünf Jahre voraus, vor allem bei der Software. Die Volkswagen-Gruppe, Daimler und BMW schauen neidisch in die Rücklichter.”

Gutjahrs Neuheit der Woche: „Ein Gaming Center in Berlin – mit dem schicken Namen LVL – wie Level. Schon lange vor dem Corona-Virus gab es Sport- und Fußball-Matches ohne Live-Publikum rein im virtuellen Raum. Der E-Sports-Bereich steckt noch in den Kinderschuhen. LVL will da so eine Art Treffpunkt, Begegnungsstätte für Gamer und Neugierige sein. Auf 2500 Quadratmetern gibt es Konsolenspiele für Beginner, Trainingsräume, im Keller den Dome mit Platz für 200 Zuschauer und ein Hamburger-Restaurant, mit einem Roboter, der am Küchenherd steht. Am 26. März ist Eröffnung. Das ganze in der Schützenstraße 73 nur unweit vom Checkpoint Charlie. Ich schau mir das auf alle Fälle mal an.”
 
Bevor in einer Woche die nächste Ausgabe des Newsletters erscheint, freue ich mich über Ihre Kommentare: Was halten Sie von der Digitalstrategie der Post? Welche neuen Funktionen würden Ihnen den Versand und Empfang von Post und Paketen einfacher machen? Schreiben Sie Ihre Meinung und Anregungen an techbriefing@mediapioneer.com. Sie erreichen mich auch über Twitter und Linkedin.

Bleiben Sie neugierig auf die digitale Welt,
Ihr

Daniel Fiene
Journalist
 
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